Freitag, 28. Februar 2014

Guangzhou - Going Out For Lunch

Wenn es etwas gibt, was man in Guangzhou kann, dann ist das Essen. Ein Sprichwort sagt, dass in Guangzhou alles gegessen wird, was Beine, Flügel hat und schwimmt – außer Tische, Flugzeuge und U-Boote. Betrachtet man die Läden, bezweifle ich allerdings, dass die Tische davon ausgenommen sind, die Flugzeuge mindestens einmal in Erwägung gezogen wurden und auch U-Boote nur deshalb nicht auf dem Tisch landen, da sie hier nur schwer zu bekommen sind.

In Guangzhou ist die Auswahl an Gerichten schier unbegrenzt; alles was in den Wok passt, wird auch irgendwo zubereitet, alles was nicht passt auch. Ich fürchte, dass die vier Monate nicht ausreichen werden, auch nur annähernd einen Überblick über die ganzen Sachen zu gewinnen, die man sich hier in den Rachen schieben kann. Da stellte es sich als glückliche Fügung heraus, dass hier ja auch zum Frühstück bereits warmer Reis mit allerlei Beilagen genossen wird. Alles was nicht da ist, wird kurzerhand auf irgendeinem Markt in nächster Nähe eingekauft. Alles in allem muss man aber sagen: Das Ergebnis zählt. Ich will nicht wissen, wie die Küche aussieht (ich ahne es, aber die Vorstellung bleibt doch lieber Vorstellung als eindeutige Gewissheit), ich will nicht unbedingt genau wissen, was da alles rein kommt (grobe Richtung reicht: Huhn, Ente, Frosch, Rind, Sonstige ist ja zumindest eine Indikation) und ganz bestimmt interessiert es mich auch nicht, warum das Essen hier so günstig ist (dass das mitunter was mit Punkt eins und zwei zu tun hat – kann sein – muss ja aber nicht, wie gesagt, ist für mich weniger relevant).

Tatsächlich kann man hier für gut 12 Yuan (so gut anderthalb Euro) schon ein recht ordentliches Mittagessen bekommen. So haben wir bisher auch keine Anstalten unternommen, selber zu kochen. Außerdem sind die Verlockungen am Straßenrand viel zu groß: Ob Obst, Baozi, Dim Sum, Eierkuchen, Jiaozi, Mantou oder Zuckerrohr – da wird die Begeisterung leicht größer als der Magen.  

Gestern habe ich dann für mein erstes Mal Frosch probiert und ich muss sagen: Okay, kann man essen, ist wie Hühnchen, aber das stetige Verlangen der Chinesen nach Knorpel und Knochen im Essen bleibt mir fremd. Während der durchschnittliche Chinese wohl nach flotten fünf Minuten einen ganzen Frosch vom Knochen gelutscht hat, war bei mir anschließend der Reis kalt und mein Teller beherbergte neben dem ganzen guten Gemüse vor allem einen Haufen Masse, die eher an einen Frosch im Mixer als im Wok erinnerte.


Montag, 24. Februar 2014

First Days At Sun Yat-Sen Business School


Der fröhliche Moloch wird so langsam zur Gewohnheit. Das Hasten, das Stoppen und Ausweichen genauso. So fühlte sich der erste Lauf hier in Guangzhou (gesundheitlich wahrscheinlich vergleichbar mit einem ausgiebigen Rundlauf durch die Raucherkabine im Flughafen) auch eher wie ein Trailrun an, als wie eine gemütliche Runde um die Uferpromenade. Fahrräder, Fußgänger und Karren teilen sich das Terrain mit Tai Chi, Läufern und Schattenboxern. Besonders abends schmeißt sich die Stadt dann in Schale und leuchtet weithin sichtbar in sämtlichen Neonfarben (Chinesen scheinen Neonlicht überhaupt zu lieben - in nahezu allen Wohnungen wird jede Stimmung durch den Schein kaltblauer Lichter … - naja, zumindest ist Licht). Jedes Gebäude, das etwas auf sich hält, blinkt und glitzert, die Uferpromenade ziert sich durch Ketten von Straßenlaternen und verwandelt den eben noch grau-grünen Fluß in eine wohlig schöne Atmosphäre, die zu sehen sich nun wirklich lohnt.
Aber genug der Romantik. Das Semester begann am Wochenende mit einer Einführungsveranstaltung am Samstag und einer „Cultural Tour“ am Sonntag. Insgesamt 19 Austauschstudenten aus aller (na, eher „vieler“, also insgesamt sechs) Herren Länder besuchen in diesem Sommer die Business School der Sun Yat-Sen University. Die SYSU ist eine der ältesten Universitäten Chinas und geht mit ihrem Namensgeber auf den Nationalvater Chinas, den Revolutionsführer Sun Yat-Sen, zurück. Die Business School bildet einen Zweig des fakultativen Apparats der Universität, ist nicht ganz so alt und auch relativ klein – sie gehört jedoch zu den besten Business Schools Chinas. So übertrifft die Ausstattung meine Heimatuni um Längen. Während ich also nach den Knöpfen für die Nackenmassage an meinem Stuhl suchte, belehrte uns die Koordinatorin über die häufigsten Fettnäpfchen der letzten Jahrgänge und verwendete einen Gutteil der Zeit darauf, jegliche Akkreditierung der Universität – oh nein, Business School, mein Fehler – ausführlich zu beleuchten.  Inhaltlich haben wir weiter nicht viel erfahren. Erkenntnisreicher war die Frühstückspause: Ein chinesischer Kuchen ist nicht zwangsläufig süß und kaffeetechnisch besteht erheblicher Aufrüstungsbedarf (was gegen einen zweiten Flugzeugträger und für eine echte Baristas auf jedem Campus spricht).

Freitag, 21. Februar 2014

First Days in Guangzhou

Nicht nur die Bürokratie ist in China gewöhnungsbedürftig. Dies geht soweit, dass sogar die Kompetenz des Stempelns in einen jeweils klar definierten Aufgabenbereich fällt – je Stempel versteht sich. Für mich und meinen Mitbewohner hieß das also, in glücklicher Reihenfolge alle Stempler abzupassen, ohne durch mögliche Kaffee-, Mittags-, Morgens- und Abendpausen ins stocken zu geraten.

Und ja, wie richtig geschlossen werden kann haben wir – d.h. ich und mein neuer Mitbewohner – schon eine Bleibe für die nächste Zeit gefunden. 20. Stock, mit 2 anderen Chinesen, in nächster Nähe zur Uni. Der Ausblick gibt dem Begriff Stadtwald eine völlig neue Bedeutung. Soweit man schauen kann (und da darf man jetzt nicht zu viel hineininterpretieren – Guangzhou ist kein Luftkurort), sieht man Wohnstalagmiten, mal mehr mal weniger hoch, aber immer aus Glas, Stahl und Beton. Dazwischen der Pearl River, der den Distrikt Hai Zhu umfließt. Doppelt so breit wie der Rhein ist er der zweitwasserreichste Fluss Chinas.

Grün findet sich in dem Distrikt allerdings kaum. Eine Ausnahme bildet der Campus der Uni mit zahlreichen Palmen, kleinen Gebäuden, Büschen und Hecken sowie – wär hätte es gedacht – Mandarin(en)bäumen. Rundherum randaliert auf der Straße, dem Schlachtfeld der Stadt, ein Gedränge aus SUVs, Radfahrern, Elektrorollerfahrern, Taxen, Bussen und Fußgängern. Mit vielen kleinen Läden, Leuchtreklame und noch mehr Menschen – alles in allem ein heiterer Moloch.



Mittwoch, 19. Februar 2014

Arrival

Nach 12 Stunden Flug, reichlicher Unterhaltung und 4 Stunden Aufenthalt in Dubai bin ich in Guangzhou gelandet. Während mein Sitznachbar Udo, 66 Jahre jung, Single und auf dem Weg in den Thailandurlaub sich auf der Suche nach einem Filmtitel in deutscher Sprache in der Bordunterhaltung zielsicher in das Satellitentelefon einwählte, wähnte ich mich mit dem Reis im Aluschälchen schon halb in China. Weit gefehlt. China kam noch. Und dann plötzlich: Baiyun International Airport.

Innen noch weitesgehend international, ist spätestens mit dem Ausgang des Flughafens sowohl sprachlich als auch kulturell die Grenze passiert. Schriftzeichen leuchten bunt und hinterlassen Zweifel in meinem Kopf – was mache ich hier eigentlich? Aber zu schnell ist ein überteuertes Taxi gefunden und zu groß sind die Wohntürme und Wolkenkratzer die sich rechts und links der Straße reihen, als dass für diese Frage jetzt noch Platz wäre: Guangzhou, da bin ich.

Nach einer kurzen Nacht im Hotel habe ich mich zusammen mit meinen Kommilitonen an die Anmeldung an der Sun Yat-Sen gemacht. Und es steht außer Frage, dass die Chinesen auch im Feld der Bürokratie Maßstäbe setzen wollen. Neben 20 Passbildern, drei Kopien des Reisepasses, 4 Stunden Zeit braucht man mindestens soviel Gelassenheit, um das Ergebnis zu ertragen: Man erhält am Ende ein Papier mit Stempel, die Anweisung zur medizinischen Untersuchungen und ein Formular mit weiteren Angaben zu benötigten Unterlagen. Großartig. Sogar die Quittung für die Passfotos ist mit aufgeführt.


Sonntag, 16. Februar 2014

Farewell

Ni hao,

geneigter Leser. Der Flug ist gebucht, das Visum im Pass und die Tasche gepackt. Es kann losgehen.

Je mehr ich mir der Tatsache bewusst werde, dass das heute Morgen wahrscheinlich für längere Zeit das letzte gute Käsebrot war, desto stärker frage ich mich, was mich da vor zwölf Monaten geritten hat, als ich mich dafür entschied, ein Auslandssemester an der Sun Yat-Sen Universität in Guangzhou zu machen. Guangzhou, eine der größten Metropolen Chinas, gelegen zwischen Foshan, Shenzen und Hongkong – zu Zeiten der Hunnenrede auch besser bekannt als „Kanton“.

Wer möchte, der darf – nein – der ist eingeladen, mir in den nächsten fünf Monaten zu folgen; zu folgen in ein Land, das zwischen Verheißung und Widerspruch doch auch nur ein Land voller Menschen ist, die auch nur mit Wasser kochen. Wenn das bei dem chinesischen Essen hierzulande auch nicht immer ganz offensichtlich sein mag.

Aus der vollen Überzeugung heraus, dass weder das kulinarische Glutamatfeuerwerk, noch das eifrige wie regelmäßige Studium von Glückskekstexten einen umfassenden Einblick in die chinesische Kultur gewähren, breche ich nun auf. Mit Kohletabletten aber ohne Vorurteile. Begeistert? Definitiv.

Da ich mich leider nicht von allen persönlich verabschieden konnte, an dieser Stelle vielleicht schon ein erstes chinesisches Idiom: „Gan Bei“ – traditionell genutzt im Zusammenhang mit warmen Weißwein bzw. Reisschnaps. Das Pendant zum deutschen Prost – wörtlich übersetzt: „lasst uns das Glas trocknen“ – bringt die Sache auf den Punkt: Ich wünsche euch allen alles Gute und werde mich in stetiger Unregelmäßigkeit hier zu Wort melden.

Bon Voyage, Käsebrot.

Euer

Julian