Montag, 31. März 2014

Life In Guangzhou - Tsingtao

Wen wird es wohl wundern, dass das bekannteste chinesische Bier ursprünglich durch die Hände deutscher Braukunst in der gleichnamigen Stadt entstanden ist?

Dabei ist der Geschmack jedoch stark unterschiedlich: Was man in Deutschland wohl eher als mit Wasser gepantschte Hopfenschorle oder kurz als Kölsch bezeichnen würde, ist in China sehr beliebt: Pi Jiu, „Bier Wein“. Nicht selten rennt in der Kneipe der erste Chinese schon nach ein, zwei Flaschen nur noch halb bekleidet lallend durch die Reihen – häufig auf dem Weg in die Arme eines Freundes, der nicht schon zwischen Stühlen und Tischen liegt oder aber, noch häufiger, auf dem Weg zur Toilette.

Viel schlimmer noch als das Bier, ist aber der Reisschnaps: Bai Jiu – wörtlich „Weißwein“. Serviert in kleinen Tontassen, knapp unter Körpertemperatur, schmeckt er eher wie abgestandenes Blumenwasser an einem warmen Augustabend. Allerdings mit dem fatalen Unterschied, dass man Blumenwasser wohl nicht in den Mengen trinkt und die Kopfschmerzen sich am nächsten Tag wohl eher in Grenzen halten. Tatsächlich gehört eine gute Trinkfestigkeit hier aber auch zur grundsätzlichen Ausbildung, will man in China Geschäfte machen (so zumindest der O-Ton des Dozenten nach der dritten Runde Bai Jiu und mehreren Pi Jiu).


Mittwoch, 26. März 2014

Life In Guangzhou - Hen hao


Wieder was gelernt. Da soll noch einer sagen, meine Leistung in der Vorlesung bestünde nur darin den Stuhl zu wärmen: In China spricht man nicht vom „Kopieren", sondern von der „adaptiven Innovation". So zumindest die Lehre aus der heutigen Vorlesung „strategisches Management". Nun wäre es gänzlich falsch zu denken, die Chinesen wären nicht innovativ (zumindest was das Essen angeht kann ich das nur bestätigen – Kartoffeln mit Honigkaramellkruste, Erdnuss-Mangopaste in frittierten Teeblättern; das ist jetzt zwar vielleicht kein Doppelkupplungsgetriebe, aber eindeutig einfallsreicher als die kulinarische Leistung in Form eines Schnitzelbrötchens. Wem das kulinarische nicht so zusagt, dem bleibt immer noch das in einem gewissen Sinne doch praktische und effiziente Duschklo).
Allerdings ist man hier nach wie vor sehr gut im adaptiven Teil. So kann man ohne Probleme einen Sack voll nicht ganz originaler Breitlinguhren, einen Schrank adaptiver Armani-Anzüge oder eine Kiste Ray Ben Brillen kaufen. Dabei ist dies für Guangzhou – quasi als Mutter der Textilhändler – letztlich nur ein netter Nebenverdienst. In den Stockwerken, weit über den Straßenläden voll Ray Ben, Armani und Breitling, werden im Großhandel ganze Kollektionen bestellt und abgewickelt. Die ausgestellten T-Shirts, Hosen, Kleider und Röcke werden hier gleich kartonweise verkauft (das merkt man spätestens dann wenn man sich fleißig durch die T-Shirts probiert hat und an der Kasse nur nach Kreditkarte und Containernummer gefragt wird). Heerscharen eifriger Arbeiter karren die Kartons gleich palettenweise durch die engen Gassen, zimmern mit flinken Händen aus Latten und Nägeln Kisten, die sie sodann direkt auf den LKW oder in Container laden.
Am Rande vielleicht ein zwei Sachen zum Einkaufen, die man beim nächsten China-Urlaub berücksichtigen kann: Schuhe ab Größe 43 (die gibt es hier zwar, allerdings ist man dabei nicht so genau und es handelt sich eher um eine gute 42), Käse (gibt es hier auch, aber eher in einer stark adaptiv-innovativen Version) und Haarspray (es steht zumindest auf der Dose, aber es hält nicht das was es verspricht bzw. halten sollte; es kommt was vorne raus und duftet recht gut, aber das tut Deo wohl auch). Während ich also in den immer gleichen Schuhen auf der Suche nach dem Käse suche, habe ich zumindest für das Haarspray-Problem eine Lösung gefunden.

Donnerstag, 20. März 2014

Life In Guangzhou - Business School Class

Was dem Deutschen das Mineralwasser, das ist dem Chinesen sein Tee. Tee in jeder Form: Schwarz, grün, rot, Weizen, Jasmin, Chrysantheme – kaum ein Chinese der nicht irgendwie sein Isolierkännchen mit sich führt. Dabei findet sich an fast jeder Ecke ein Trinkwasserspender – allzeit bereit für die Blätter und Kräuter im Kännchen des Teedurstigen (tatsächlich werden die Blätter für mehrere Aufgüsse genutzt – in manchen Restaurants sogar so lange, dass man meint, Chlor sei durchaus auch eine Art Tee).

So hat auch hier in den Vorlesungen jeder sein kleines Kännchen dabei – ich finde hier nur kein Mineralwasser (eine Vorliebe, die nur für die deutschen Studenten gilt; alle anderen wollen aber können das nicht verstehen – wobei, liebe Franzosen, liebe Chinesen – das sei mal gesagt: Am Frosch ist auch nicht so viel dran, als das es sich lohnt den in den Kochtopf zu werfen). Noch dazu kommt, dass man hier neben der Jogginghose gerne im Samtanzug aufschlägt. Das verleiht dem Unterricht nicht nur eine eher ungezwungene sondern sehr entspannte Atmosphäre. Überhaupt  ist die Vorlesung sehr offen, diskussionsfreudig und stark von spontanen Eingebungen des Dozenten geprägt (hatten wir vor 5 Minuten noch über die Geschichte des Lao Tse gesprochen, bewegt sich die Diskussion in den folgenden 10 Minuten durch die strategische Positionierung des zweiten chinesischen Flugzeugträgers über die Zweckmäßigkeit des Entscheidens auf Basis von Erinnerungen zu verschiedenen Biersorten in Deutschland).

Dabei ist man hier sehr stolz auf den Ruf der Business School der Sun Yat-Sen Universität und wird nicht müde dies möglich häufig zu betonen. Gleiches gilt für die Dozenten, die es sich nicht nehmen lassen, zur Einführung zu einem ausführlichen Streifzug durch ihre Vita einzuladen, ohne dabei zu vergessen wen sie schon alles getroffen haben (könnten – tatsächlich werden die Grenzen hier etwas verwischt, denn man war schließlich in Harvard, hat an die Tür geklopft, und naja… letztlich zählt der gute Wille – und die eigene Reputation). Die Lehre hier ist dabei trotzdem stark verschult und man verlässt die Vorlesung nicht ohne einen Berg von Hausaufgaben, Gruppenarbeit und Essays. Es herrscht Anwesenheitspflicht und auch die Mitarbeit in der Vorlesung wird bewertet.


Samstag, 15. März 2014

Life In Guangzhou - Don't Mess With The Mass

Weiland der Schlagbohrer des Nachbarn mich wie jeden Tag um Punkt sieben an meine Ohrenstöpsel erinnerte, betrat durch den polyesternen Vorhang ein fast in Vergessenheit geratener Gast in mein Zimmer: Die Sonne hielt Einzug. Anfangs sehr zaghaft und kaum wahrnehmbar konnte man nun nach zwei Wochen wieder seinen Schatten erkennen.

Die Gunst der Stunde nutzend warf ich mich in meinen buntesten Dress, um am Fluss bei dem einen oder anderen Kilometer gleich auch noch ein bisschen Sonne zu tanken. Allerdings war ich nicht der einzige. Zusammen mit Heerscharen sonnendurstiger Mitbewohner der Stadt flutete ich die Promenade auf beiden Seiten des Flusses.

Überhaupt, wenn es in China etwas in Massen gibt, dann sind das Menschen. Auf den Straßen und Plätzen, in den Bussen, Läden und U-Bahnen. In Letzterer sorgen zu bestimmten Tageszeiten auch sogenannte Pusher für eine möglichst gründliche Ausnutzung des verfügbaren Raumes. Vor einer Woche sind wir auch einmal aus Guangzhou herausgefahren (eher gereist, die Fahrt dauerte selbst auf der Autobahn eine ganze Stunde, bis wir an die Stadtgrenze kamen), um in eine nahegelegene Stadt zu fahren, die viel grün und wenig Beton versprach.

Auf dem Weg passierten wir ganze Bataillone von Wohntürmen, in Reih und Glied direkt neben der Autobahn wurden sie am Stadtrand gefolgt von Baustellen, an denen Plakate von neuen, größeren, wuchtigeren Heimstätten kündeten. Aber auch in Zaoqing, Ziel unseres Ausflugs, war man nicht müde, den Himmel mit reichlich Stahl und Beton zu erklimmen. Unvorstellbar in Deutschland, wurde hier auf einer Fläche so groß wie die Kölner Innenstadt ein kompletter Finanzdistrikt vom Reißbrett aus dem Boden gestampft. Es fällt schwer, die Massen zu überschätzen.