Der Guangzhouer Himmel erstrahlt auch in der dritten Woche im fröhlichsten bunkergrau. Das macht aber nichts – oder zumindest nicht allzu viel. Denn ich habe jetzt ein Fahrrad. 24 Zoll, Ei im Vorderrad, keine Schelle, kein Licht – aber geschenkt (im Rahmen eines Nachhilfeprogramms für Jimbo, meinen chinesischen Nachhilfeschüler).
Vorweg sei gesagt: Hier in China hat keiner Licht oder Klingel, das Verkehrssystem orientiert sich streng darwinistisch am Recht des Fittesten (was nicht unbedingt – aber häufig – auch der Stärkere ist, nur um hier korrekt zu bleiben). Wobei, Licht gibt es schon, aber dann blinkt es in mindestens fünf Farben und man kann es von der restlichen Umgebung im Straßenbild sowieso nicht mehr unterscheiden.
Aufmerksamkeit ist dabei allerdings ein nicht zu unterschätzender Faktor, will man am Ende auch noch in der richtigen Reihenfolge (Straße, Fahrrad, Ich) am Ziel ankommen. Da spielt mir das Erscheinungsbild eines Europäers, der einen buckligen Schleifstein reitet, natürlich in die Hände.
Einmal eingetaucht wirkt der Beinaheunfall im chinesischen Stadtverkehr wie eine kunstvolle Choreographie, wie die kalkulierte Probe aufs Exempel, die – kurz geprobt – nur der Versicherung dient, dass man’s noch kann.
Mindestens genauso interessant, vielleicht aber nicht ganz so aufregend, ist das Nachhilfeprogramm: Zusammen mit einem Amerikaner erteile ich Jimbo (ein 13-jähriger Schüler mit dem Wochenplan eines gedienten Geschäftsführers), Sohn der Kurskoordinatorin an der Business School, Nachhilfe jeweils in Deutsch bzw. Englisch. Bejammert sich der deutsche Schüler schon ob seines gestohlenen Nachmittags, ist für Jimbo selten vor neun Uhr abends Schluss. Nacheinander übt er neben der Schule Violine, Badminton und Basketball und erringt sich nun neben dem Englischen auch die Kenntnisse der deutschen Sprache. Im Gegenzug erhalten wir beide zusammen eine Stunde Unterricht in Mandarin und chinesischer, d.h. hier speziell kantonesischer, Landeskunde.
Neben dem Fahrrad haben wir daher schon einen ersten Einblick in die kantonesische Esskultur erhalten (während der Nachtisch aus Rettich mich ähnlich wie der eingelegte Schweinefuß – pardon, die eingelegte Schweinehand – nicht ganz überzeugt hat, kann ich ohne Bedenken die Wasserkastanie in Gelee empfehlen). Nicht, dass das Essen in China irgendeine bedeutende Rolle spielt. Soweit meine Erfahrungen hier reichen, spielt es die bedeutende Rolle, identifiziert sich doch gar jeder Chinese zu einem nicht geringen Teil über das, nein, sein Essen (tatsächlich existiert neben der geopolitischen auch eine kulinarische Landkarte Chinas).


"das Erscheinungsbild eines Europäers, der einen buckligen Schleifstein reitet"
AntwortenLöschenDas Bild! :D
Du -> 24"-Fahrrad
Ich musste herzlich lachen :-)